WOLFGANG OELZE – TRAP

Aus­stel­lung 31. August bis 28. Sep­tem­ber 2025
Öff­nungs­zei­ten Sams­tag und Sonn­tag, 11 bis 17 Uhr
Eröff­nung und Künst­ler­ge­spräch 31. August 2025, 14 Uhr
Künst­ler­füh­rung und Finis­sa­ge 28. Sep­tem­ber, 15 Uhr

In Wolfgang Oelzes Bildern liegt etwas, das sich entzieht. Eine Landschaft, die etwas zeigt, aber nicht preisgibt. Ein Raum, dessen Dimensionen unklar bleiben.

Eine Atmo­sphä­re, in der sich Geschich­te und Gegen­wart durch­drin­gen, nicht durch Erklä­rung, son­dern durch das, was fehlt – durch das, was nur als Spur, als Schat­ten, als Ahnung im Bild ver­bleibt.

Die Aus­stel­lung im Roger-Loe­wig-Muse­um ver­sam­melt neue Video­ar­bei­ten und Foto­gra­fien des Ham­bur­ger Künst­lers (geb. 1967), des­sen Werk sich wie eine lang­sa­me Boh­rung durch Sedi­men­te von Land­schaft, Erin­ne­rung und media­ler Wahr­neh­mung lesen lässt. In Oel­zes künst­le­ri­scher Archäo­lo­gie wird das Sicht-bare zur Pro­jek­ti­ons­flä­che für das Nicht-Zeig­ba­re. Die Kame­ra tas­tet sich vor-sich­tig vor, sie zeigt eine ungreif­ba­re Land­schaft, die zir­ku­liert um eine Ach­se. Es ent­steht ein Pan­ora­ma von Orten, die sich, wie Jens Ast­hoff schreibt, „in eine sub­til ver­stö­ren­de Atmo­sphä­re des Abwe­sen­den“ ver­wan­deln (2014, S. 6).

Die neu­en Vide­os, die hier erst­mals gezeigt wer­den, füh­ren Oel­zes Metho­de der Wahr­neh­mungs­ver­lang­sa­mung und visu­el­len Desta­bi­li­sie­rung fort. Eine wand­fül­len­de Pro­jek­ti­on ent­fal­tet eine pan­ora­ma­ti­sche Bewe­gung über ein wei­tes Gelän­de. Die­ses offen­bart Abbruch­kan­ten, Gru­ben und fri­schen Baum­be­wuchs, die Fra­ge nach sei­ner Her­kunft bleibt offen. Die Kame­ra beschreibt eine kon­ti­nu­ier­li­che Dre­hung, als krei­se sie tas­tend über eine topo­gra­fi­sche Ober­flä­che, deren Les­bar­keit sich der Deu­tung ent­zieht. Auf dem Boden ver­tei­len
sich fremd­ar­ti­ge, grell­bun­te Objek­te – rote Tel­ler, gel­be Scher­ben, pink­far­be­ne Split­ter. Aber wovon? Ihre Funk­ti­on bleibt unklar. Es ist, als hät­te sich in die­ser Land­schaft ein ande­res Ord­nungs­sys­tem nie­der­ge­las­sen – nicht deut­lich, nicht iden­ti­fi­zier­bar, son­dern in einer ver­steck­ten, tief­grei­fen­den Umco­die­rung.

Ein zwei­tes Video, das auf einem Flach­bild­schirm gezeigt wird, fügt sich behut­sam in die bestehen­de Loe­wig-Aus­stel­lung im Ober­ge­schoss ein. Aus sub­jek­ti­ver Per­spek­ti­ve zeigt eine lang­sa­me Kame­ra­fahrt den Weg von einer heu­ti­gen Sied­lungs­gren­ze zu einem Rui­nen­dorf, das längst vom Wald zurück­er­obert wur­de. Die Bewe­gung ist fast zöger­lich. Es ist weni­ger ein Spa­zier­gang als ein Über­gang – aus der Gegen­wart in eine Schicht, in der Geschich­te sedi­men­tiert liegt. Die Kame­ra, ein tas­ten­des Auge, spürt dabei nicht dem Offen­sicht­li­chen, son­dern dem Atmo­sphä­ri­schen nach: Kon­tu­ren im Zwie­licht sowie die vege­ta­ti­ve Umrah­mung eines hyp­no­ti­schen Flucht­punkts am Hori­zont, der dem Weg eine Rich­tung zu geben scheint. Es ist ein Rück­zug – nicht nur in den Wald, son­dern auch in die Unsi­cher­hei­ten von Erin­ne­rung und Ver­drän­gung.

Allen Video­ar­bei­ten gemein­sam ist eine sub­ti­le Umkeh­rung der Per­spek­ti­ve: Die Land­schaft wird nicht nur abge­bil­det, son­dern durch­quert – als oszil­lie­ren­de Pro­jek­ti­on eines Rea­len, das sich nicht ein­deu­tig zu erken­nen gibt. Zen­tral in Oel­zes Werk ist die Span­nung zwi­schen tech­ni­scher Prä­zi­si­on und Fas­zi­na­ti­on durch Ver­un­si­che­rung. Zwi­schen Doku­ment und Hal­lu­zi­na­ti­on, Ober­flä­che und Tie­fen­struk­tur. Sei­ne Orte sind Spal­ten und Über­gän­ge – durch­läs­sig für das, was einst war, was ver­ges­sen wur­de und was sich wie­der ein­schreibt. Sie sind – wie Jens Ast­hoff es for­mu­liert – „Schnitt­kan­ten eines greif­bar Abwe­sen­den: Die Ahnung, die Erwar­tung, gebün­delt in der Irri­ta­ti­on“ (ebd., S. 8).

In die­ser Aus­stel­lung wir­ken die Foto­gra­fien wie zum Halt gekom­me­ne Bewe­gun­gen der Kame­ra in Oel­zes Vide­os. Es ist die erstarr­te Bewe­gung im Unter­grund, der unter den Land­schaf­ten zu lie­gen scheint. Orte wie Grot­te, Bun­ker oder Kryp­ta sind in sei­nem Werk nicht nur Topo­gra­fien, son­dern auch meta­pho­ri­sche Räu­me des Gedächt­nis­ses. Höh­len sind laut Sven Beck­stet­te „Meta­phern des Lebens – des ober­ir­di­schen, zugleich des inne­ren und unbe­wuss­ten“ (2020, S. 87). Sie ste­hen für Über­gän­ge, für Orte der Erwar­tung. Oel­zes Bild­wel­ten ent­sprin­gen mythi­schen Schwel­len­räu­men: „Gefähr­li­ches Laby­rinth oder ret­ten­des Ver­steck“ – wie Beck­stet­te es nennt (ebd.).

Die­se Ver­dich­tung – das gleich­zei­ti­ge Zei­gen und Ver­schlei­ern, macht Oel­zes Werk so beson­ders. Er arbei­tet mit der Kame­ra wie ein For­scher der „Spel­äo­lo­gie des Unbe­wuss­ten“ (Beck­stet­te, ebd.), der sich durch tie­fe Gän­ge tas­tet. Sei­ne Arbeit ist ein Gegen­vor­schlag zum schnel­len Bild­kon­sum: ein Vor­drin­gen, das kei­ne Auf­lö­sung ver­spricht, son­dern Räu­me des Emp­fin­dens, der Besin­nung und des Ver­wei­lens öff­net. Oel­zes Bild­räu­me sind vol­ler Zwi­schen­zu­stän­de – kei­ne Abbil­der im bekann­ten Sin­ne, son­dern Echo­kam­mern des Unsi­che­ren.

Dass die­se Aus­stel­lung im Roger-Loe­wig-Muse­um statt­fin­det, ist mehr als ein kura­to­ri­sches Kon­zept – es ist ein tie­fer Reso­nanz­raum. Denn so wie Loe­wig in sei­nen ein­dring­li­chen Tex­ten und Bil­dern gegen das Ver­ges­sen, gegen das Beschö­ni­gen des 20. Jahr­hun­derts anschrieb, ent­wirft Oel­ze Bild­wel­ten, in denen Bedeu­tun­gen frag­wür­dig wer­den – durch das, was fehlt, was nicht zu sehen ist. Loe­wig selbst beschrieb sei­ne Bil­der als „Mah­nung […] aus dem Schuld­ge­fühl vor jenen, denen ich nicht anders hel­fen kann“. (1967). Auch Oel­zes Arbei­ten sind sol­che Mah­nun­gen – lei­ser, indi­rek­ter, flüch­ti­ger.

Es ist eine stil­le Koin­zi­denz, dass Roger Loe­wig sei­nen Text Zu mei­nen Bil­dern im Jahr 1967 schrieb – dem Geburts­jahr von Wolf­gang Oel­ze. Dar­in benennt er Ein­flüs­se, die heu­te wie­der erschre­ckend aktu­ell sind: „die von Napalm und Phos­phor aus­ge­lösch­ten Äcker und Städ­te, die Schä­del­stät­ten und Schlacht­fel­der des auf­ge­klär­ten, zivi­li­sier­ten 20. Jahr­hun­derts, sei­ne Ker­ker und unter­ir­di­schen Fol­ter­kam­mern.” Loe­wigs Wor­te über die vom Wind zer­ris­se­nen Wäl­der und das Ver­wur­zelt­sein im Hun­ger­land gewin­nen heu­te neue Rele­vanz: „Da fand ich die Bil­der für eige­nes und ver­wand­tes Rin­gen, für die unhör­ba­ren Lei­den und die laut her­aus­ge­brüll­ten, für die ver­zwei­fel­ten dump­fen und die leuch­ten­den hel­len Lei­den­schaf­ten der Men­schen­na­tur“ (Loewig,1967). Auch Oel­zes Arbei­ten kön­nen als Bil­der sol­chen Rin­gens gese­hen wer­den. Lei­se, unter­schwel­lig – und gera­de des­halb ein­dring­lich. Sie geben dem Gedächt­nis Räu­me.

Die Instal­la­tio­nen aus Bil­dern und Vide­os wir­ken nach – wie Spu­ren, die nicht ver­schwin­den, son­dern nur schwe­rer zu lesen sind. Viel­leicht liegt dar­in ihre eigent­li­che Kraft: dass sie nicht laut spre­chen, son­dern Raum schaf­fen – für das, was bleibt, wenn das Gese­he­ne längst ent­glit­ten ist.